Sap, sap, sap...

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...oder wie man in Bangkok lernt, die Lust an der thailändischen Küche in Tanz und Gesang umzuwandeln.

Bangkok, das besteht für kulinarisch Interessierte nicht nur aus High-Class-Restaurants, Nachtmärkten und den bunten Ess-Ständen an jeder Ecke. Den Beweis dafür liefert May Kaidee, die seit 20 Jahren vegetarisch kocht und seit geraumer Zeit auch Kochkurse für Menschen aus aller Welt anbietet. Mit großem Erfolg, wie sich zeigt, den neben diversen Artikeln in internationalen Zeitungen und Reiseführern ist nun ihr zweites Kochbuch erschienen, mit „colour photographs“, wie die Autorin nicht zu erwähnen vergisst.

9.00 Uhr am Morgen, in einer Nebengasse der Soi Damnoen Klang, die wiederum an der berühmten Khao San Road liegt. "Good morning", ruft May Kaidee und strahlt vor Energie. Während die angehenden Kochschüler noch mit kleinen Morgenaugen Kaffee schlürfen, gibt sie ihren Mitarbeitern erste Instruktionen für das Tagesgeschäft. Dann widmet sie sich voll und ganz ihren Gästen. "Zuerst gehen wir einkaufen, auf den Markt und in einen Supermarkt in der Nähe. Gekocht wird dann in meinem anderen Restaurant", erklärt die quirlige Thai mit einem Lachen, "diese Küche ist etwas zu klein". Und das ist sie in der Tat. Das kleine „Original May Kaidee’s vegetarian restaurant“ in Banglampoo, dem Travellerviertel Bangkoks, ist mit einer klassischen "open-air"-Küche ausgestattet, es wird unter freiem Himmel auf Gasstellen gekocht. Fünf Tischchen befinden sich mit der Servierbar unter Dach, fünf weitere Tische stehen auf der schmalen Straße, die in der Folge nur noch Platz für Fußgänger und Tuk-Tuks bietet. Eine ganz normale Nebenstraße in Bangkok, wäre da nicht das hochgelobte "May Kaidee's", erwähnt in diversen Reiseführern und Restaurantkritiken. 2008 feiert Mai Kaydee, die mit bürgerlichem Namen Sommay Jaijong heißt, das 20-jährige Jubiläum ihrer Kochkarriere, in dieser Zeit hat sie in Bangkok drei Lokale eröffnet und eines in Chiang Mai. "Die klassische Thai-Küche ist nicht vegetarisch und schon gar nicht vollwertig", erzählt sie, während sich die Gruppe der acht Wissbegierigen zum Einkaufen aufmacht, „es ist sehr schwierig, die Einheimischen davon zu überzeugen. Dafür kommen Traveller aus aller Welt zu mir. Es gibt nicht viele Lokale, in denen vegetarisch, vollwertig und bewusst ohne Geschmacksverstärker gekocht wird.“ Das ist wohl eines der Geheimnisse von May Kaidees Erfolg.


9.30 Uhr, May Kaidee erklärt am Markt eine Straße weiter - kleine Verkaufsstände, an denen Obst, Gemüse, warmes Essen und Getränke angeboten werden - mit welchen Gemüsesorten sie am liebsten kocht, was ihre Besucher wahrscheinlich in Europa, Kanada oder den USA nicht kaufen werden können, was man statt dessen verwenden kann und welche frischen Gewürze dazu passen. Das kleine Grüppchen hört interessiert zu, gemeinsame Sprache ist Englisch. Im Supermarkt, dessen Eingang ein Ortsunkundiger im Chaos der Marktstände kaum gefunden hätte, erklärt May Kaidee fertige Gewürzmischungen und die verschiedenen Reissorten, die in Thailand zum täglichen Brot gehören. Denn Brot, das kennt man in der Thai-Küche nicht. Zum traditionellen Frühstück in Thailand gehört eine scharfe Reissuppe, meistens mit Schweinefleisch. Dieses deftige Frühstück wird aber von den Gästen aus dem Westen kaum verlangt, erklärt May Kaidee, während sie die vollen Einkaufstüten an die starken Männer der Gruppe verteilt. Die sieben TeilnehmerInnen stammen aus Kanada, Österreich, Deutschland und Italien und sollen heute zehn Gerichte kochen - unter der hilfreichen Aufsicht von May Kaidee. Und weil im Supermarkt die Frage aufkommt, wofür denn schwarzer Reis verwendet wird, entschließt sich May spontan, auch eine Nachspeise in den heutigen Kursplan aufzunehmen, nämlich den schwarzen Klebreis mit Kokos und frischer Mango.

„Bis vor zwei Jahren waren meine Kochkurse noch ein echter Geheimtipp, aber seit sie in der Neuauflage des Lonely Planet erwähnt wurden, boomen sie“, erzählt May Kaidee. Über mehrere Auflagen in dem trendigen Reiseführer zu bestehen ist wohl ein weiteres Erfolgsgeheimnis. Denn Lonely Planet-Reisende sind kritisch und teilen Unzulänglichkeiten gerne mit, wie man auf diversen Websites in allen Sprachen nachprüfen kann. May Kaidee hat die jahrelangen Prüfungen bestanden. Ihre Restaurants sind zu DEM Vegetarier-Tipp Thailands geworden. „Im Moment bin ich wirklich viel unterwegs, nächste Woche fliege ich nach Goa, um dort Kochkurse zu veranstalten und dann muss ich mein neues Kochbuch bewerben. Es wird ein sehr aufregendes Jahr werden!“, verrät sie.


Und aufregend wird auch das Kochen. Nachdem geklärt ist, wer schon Erfahrung im Umgang mit dem Wok hat, teilt May ihre Schüler in Zweiergruppen und erklärt die Gaskochstelle. Die Zutaten sind vorbereitet, fein geschnittenes Gemüse, frische Kräuter, Kokosmilch und Gewürze finden sich in kleinen Schälchen um jeden Wok, genauso wie die Rezepte auf kopierten Zetteln. Die Aufgabe: ein Schüler trägt jeweils das Rezept vor, der andere kocht. Dann wird gemeinsam abgeschmeckt und zum Schluss gibt die Profiköchin genau den Schuss Sojasauce, Kokosmilch, Curry oder Zitrone dazu, damit es so schmeckt, wie es schmecken soll. May Kaidee lässt aber Platz für Kreativität: „Jede Speise wird bei jedem anders schmecken, das ist klar. Der sehr zitronige touch, das ist zum Beispiel typisch May Kaidee. Aber das mag eben nicht jeder so!“

11.00 Uhr. Nach dem zweiten Gericht hat sich die Stimmung in der Küche bereits sehr gelockert, jeder geht mit seinem Testschälchen und Löffel von Kochstelle zu Kochstelle und kostet, was die anderen zubereitet haben. Draußen auf der Gasse stehen die Nachbarsbuben und beobachten das für sie nicht ungewöhnliche Geschehen. Wie auf ein geheimes Zeichen stürmen sie plötzlich kichernd in die Küche und kosten, was die angehenden Kochspezialisten produziert haben. Es mundet, die Kinderschar bedankt sich für den Zwischensnack und die Jungköche gehen mit neuem Mut an ihre weiteren Vorhaben. Das berühmte „Pad Thai“, ein schnelles Nudelgericht, das man in Bangkok an jeder Ecke bekommt, soll gelingen. Und siehe da, wenn die Zutaten so wunderbar bereit stehen, wie von May Kaidees HelferInnen vorbereitet, dann kochen hier Europäer und Kanadier Pad Thai, als stünde es auf ihrem täglichen Speiseplan. Nach Curry und gebratenem Gemüse wird der wunderbare Essensgeruch nun immer unwiderstehlicher. Die Köche allerdings scheinen bereits satt zu sein. „I know, you like it, but don’t try too much!“, ruft May. Sie weiß, dass bei zu exzessivem Kosten bald die Lust am Kochen vergeht. Auch das lange Stehen sind die neu geborenen Kochkünstler nicht gewöhnt.


Zwei Curries und zwei Suppen später ruft May Kaidee deshalb zur Pause auf: „Now we need some movement, our bodies get to tired!“ Sie teilt Texte aus, ein selbst geschriebenes Lied, das das selbst gekochte Essen lobt. „Sap, sap, sap“ heißt es, was übersetzt „Sehr gut“ oder „köstlich“ bedeutet. Zum Gesang wird getanzt und geklatscht. May weiß die Menschen mitzureißen. Nach der dritten Strophe ist die ganze Gruppe mit Begeisterung dabei und lässt sich von May auch noch einen selbst erfundenen Tanz beibringen. Die Stimmung steigt, die Müdigkeit ist weg getanzt. Zwei Sorten Frühlingsrollen stehen noch auf dem Programm, der wunderbare green papaya salad, für den May bekannt ist und zum Schluss bereits erwähnter schwarzer Reis mit Mango.

15.00 Uhr. Nur noch zwei wackere Esser schaffen eine zweite Portion Reis mit Mango. Alle anderen scharen sich bereits um das Gästebuch, in das sich jeder zufriedene Kochschüler eintragen muss. Und zufrieden sind sie wohl alle, wie man an den positiven Wortmeldungen aus aller Welt sehen kann.

Wieder kommen? Da ist sich auch die Autorin ganz sicher. Und sei es nur, um das neue Kochbuch abzuholen, mit „colour photographs“, wohl gemerkt.

Preis für den sechsstündigen Kochkurs: 1200 Bhat, umgerechnet etwa 25 Euro.

May Kaidee hat auch eine neue Website, über die man das Kochbuch bestellen kann, falls man gerade nicht in Bangkok vorbei kommt: http://www.maykaidee.com

© Romana Hasenöhrl 2009